Praktikanten können Bezahlung einklagen

Am Beispiel der Psychotherapeuten in Ausbildung hat jetzt das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamm entschieden, dass ein Praktikum ohne Bezahlung sittenwidrig ist. Auch bei Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) wird unter dem Deckmäntelchen der beruflichen Fortbildung unentgeltlich gearbeitet. In dem Fall hatte eine psychiatrische Klinik eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ausbildung ein Jahr lang unentgeltlich beschäftigt. Hintergrund ist, dass angehende psychologische Psychotherapeuten praktische Erfahrungen in einer Klinik sammeln müssen. Die Klinik kann für diesen festen Ausbildungsbestandteil eine Vergütung oder Aufwandsentschädigung zahlen, muss dies aber nicht. Die Klägerin, die keine Bezalung erhielt, empfand dies als Ausbeutung und klagte auf nachträgliche Honorierung ihrer Arbeit.
Das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamm sprach ihr nun eine monatliche Vergütung von 1000 Euro zu. Die unentgeltliche Beschäftigung sei sittenwidrig gewesen (Urteil vom 29.11.2012 Aktenzeichen: 11 Sa 74/12). Die Richter haben dem unterlegenen Klinikum allerdings die Möglichkeit eingeräumt, Revision einzulegen. Sofern dies geschieht, müsste das Bundesarbeitsgericht (BAG) abschließend entscheiden. Bis dahin bleibt das arbeitnehmerfreundliche Urteil des LAG Hamm der Präzedenzfall für ähnlich gelagerte Fälle. Übrigens: Bereits im Oktober hatte das Arbeitsgericht Hamburg einer „Praktikantin“ in einem ähnlichen Fall Recht gegeben und eine psychotherapeutische Klinik zur nachträglichen Zahlung des regulären Tariflohns verurteilt (ArbG Hamburg, Urteil vom 16.10.2012 – 21 Ca 43/12). Auch hier hatte nach Ansicht der Richter kein Praktikum, sondern ein Arbeitsverhältnis vorgelegen. Der Ausbildungszweck habe eindeutig im Hintergrund gestanden.

Verfasser: Fachanwalt für Arbeitsrecht Wolfgang Steen, Hamburg
www.gleichbehandlung-hamburg.de

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